Leseförderung? Warum sollte ich mich damit als Elternteil eigentlich beschäftigen?

Wer Kinder im Kindergartenalter hat, beschäftigt sich sicher nicht aus Spaß mit Studien des Börsenvereins oder der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung.

Als Autorin für Kinderbücher stolpert man schon eher über den Begriff Leseförderung.

Warum Leseförderung ein relevantes Thema ist, zeigen die Zahlen:

30,6 Prozent weniger Buchkäuferinnen und Buchkäufer zwischen zehn und 15 Jahren.

Laut Börsenverein ist die Zahl der jungen Buchkäufer im Jahr 2025 gegenüber dem Vorjahr erheblich zurückgegangen. Auch die Ausgaben dieser Altersgruppe für Bücher sind gesunken. Das hat mich erst einmal schlucken lassen. Es deckt sich aber auch mit dem, was regionale Buchhandlungen sagen.

Natürlich kann man jetzt sagen: Kinder lesen eben nicht mehr. Die digitalen Medien sind schuld. Früher war das alles anders.

Aber ich glaube, damit machen wir es uns zu einfach.

Denn die entscheidende Frage ist für mich nicht nur, wie viele Bücher Kinder kaufen oder lesen. Wir sollten uns auch fragen, welche Motivation Kinder zum Lesen haben – und was wir Erwachsenen für die Leseförderung beitragen können.

Vielleicht brauchen Kinder bessere Möglichkeiten, eine echte Beziehung zu Geschichten und Büchern aufzubauen, um die Begeisterung fürs Lesen früh zu entfachen.

Kinderbuch-Lesefoederung

Wenn Kinder lesen, aber den Text nicht sicher verstehen

Eine weitere Studie zeigt noch etwas anderes. Die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU 2021 belegt, dass rund ein Viertel der Viertklässlerinnen und Viertklässler in Deutschland nur eine der beiden unteren Kompetenzstufen im Lesen erreicht.

Nach Einschätzung der Forschenden fehlt diesen Kindern damit am Ende der Grundschule ein ausreichendes Kompetenzniveau für den Übergang vom Lesenlernen zum Lesen, um zu lernen.

Lesen zu können bedeutet also nicht automatisch, einen Text wirklich zu verstehen.

Ein Kind kann Buchstaben erkennen, Wörter zusammensetzen und einen Satz laut vorlesen. Trotzdem kann es ihm schwerfallen, Informationen miteinander zu verbinden, Zusammenhänge zu erkennen oder zu erklären, worum es in der Geschichte eigentlich geht.

Das klingt zunächst ziemlich theoretisch. Für den weiteren Bildungsweg ist es aber entscheidend.

Denn Kinder lesen schließlich nicht nur im Deutschunterricht. Sie müssen später auch Aufgabenstellungen verstehen, Informationen aus Sachtexten entnehmen und aus dem Gelesenen neues Wissen entwickeln. Wer schon viel Kraft dafür braucht, einzelne Wörter und Sätze zu erfassen, hat es deutlich schwerer, sich zusätzlich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen.

Ein Kind kann einen Text also durchaus gelesen haben – und die Geschichte hat es trotzdem nicht richtig erreicht.

Genau deshalb reicht es meiner Meinung nach nicht, einem Kind einfach ein Buch hinzulegen und darauf zu hoffen, dass damit die Leseförderung erledigt ist.

Manche Geschichten verschwinden – andere ziehen ins Kinderzimmer ein

Bei meiner eigenen Tochter beobachte ich etwas, das mich immer wieder beschäftigt.

Sie möchte viele Geschichten hören. Manche davon lesen wir und danach scheinen sie fast vollständig verschwunden zu sein. Wenn ich sie später frage, worum es ging, weiß sie es manchmal nicht mehr so genau.

Andere Geschichten bleiben.

Sie tauchen plötzlich in ihrem Spiel auf. Figuren, Situationen oder Gedanken werden weitergetragen, verändert und in ihre eigene Fantasiewelt eingebaut. Dann merke ich: Diese Geschichte hat etwas bei ihr ausgelöst.

Ich habe mich gefragt, warum manche Geschichten auf diese Weise bei ihr ankommen und andere nicht.

Natürlich kann das viele Gründe haben. Vielleicht interessiert sie das Thema gerade besonders. Vielleicht erkennt sie ein Gefühl wieder. Vielleicht spricht sie eine Figur an. Vielleicht war sie an diesem Tag einfach aufmerksamer.

Aber für mich zeigt diese Beobachtung etwas Wichtiges:

Eine Geschichte ist nicht automatisch verarbeitet, nur weil wir die letzte Seite umgeblättert haben.

Vorlesen ist mehr als das Aussprechen gedruckter Wörter

Beim Vorlesen selbst bin ich nicht diejenige, die nach jeder Seite eine pädagogisch wertvolle Zwischenfrage stellt.

Ich lese ein Buch gerne im Ganzen. Ich mag es, wenn eine Geschichte fließen darf und wir gemeinsam in ihr bleiben können, ohne sie ständig zu unterbrechen. Ich bin aber auch eine erwachsene Person und verarbeite Informationen und Texte deutlich schneller als ein Kindergartenkind.

Wenn ich möchte, dass meine Kinder die Geschichten genauso verinnerlichen können, dann muss ich etwas an der Art, wie ich Vorlese, ändern.

Das bedeutet: häufiger über die Geschichten sprechen, Fragen stellen, Die Gedanken arbeiten lassen. Das ist für mich Leseförderung.

Oft frage ich meine Tochter, ob sie weiß, was dieses und jenes Wort bedeutet. Meistens kommt ein selbstbewusstes JA. Wenn ich dann frage, ob sie es mir erklären kann, kommt ein schelmisches Grinsen und ein nicht ganz so selbstbewusstes NEIN. Dann erkläre ich es dir.

Es ist nicht schlimm, wenn man nicht alles weiß. Das ist ein Satz, den ich ihr oft mitgebe.

Und mit der Zeit konnte ich eine Veränderung feststellen. Auf einmal kamen viele Fragen:

  • "Mama was heißt Untertan?"
  • "Mama was heißt Glanz?"
  • "Mama was heißt Freiheit?"

(Und dann erklärt mal einer 4-Jährigen bitte was Freiheit bedeutet, ohne ihr das Gefühl zu vermitteln, dass sie nicht frei ist *zwinker*)

Aber dass sie kommt und Fragen stellt zeigt mir deutlich: sie hört zu, sie versucht die Geschichten zu verarbeiten und in dem Moment, indem ihr dabei ein "Problem" auffällt kommt sie zu mir und fragt, um ihre Wissenslücke zu schließen. Allein daran merke ich, wie wichtig dieser Austausch ist.

Beim Vorlesen machen wir uns doch selten darum Gedanken welche Wörter ein Kind jetzt kennt und welche nicht. Ein Kind nickt schließlich nicht nach jedem unbekannten Wort und sagt: „Moment, an dieser Stelle fehlt mir gerade das sprachliche Verständnis.“ (Das wäre ja mal ein Austausch!)

Die meisten Kinder hören auf jeden Fall einfach weiter zu. Aber wenn für uns die Geschichte zu Ende ist, und wir zum nächsten Tagespunkt übergehen, nehmen wir den Kindern damit manchmal die Chance, ihren Gedanken Luft zu geben.

Erst im Gespräch würden wir merken, was bei ihnen angekommen ist, welche Begriffe noch unklar sind und welche Gedanken eine Geschichte ausgelöst hat.

So ein Gespräch soll auch gar kein Wissenstest sein.

Es geht nicht darum, das Kind nach dem Lesen abzufragen:

  • Wie hieß die Hauptfigur?
  • Was passierte auf Seite sieben?
  • Welche Farbe hatte das Haus?

Ein Gespräch über Bücher sollte keine Kontrolle darüber sein, ob ein Kind auch ordentlich aufgepasst hat.

Es kann vielmehr eine Einladung sein:

  • Warum war die Figur traurig?
  • Was hättest du an ihrer Stelle gemacht?
  • Kennst du dieses Gefühl?
  • Was glaubst du, wie könnte die Geschichte weitergehen?
  • Gab es ein Wort, das du noch nicht kanntest?

So wird ein Kind vom reinen Zuhörer zum Mitdenker.

Gemeinsames Lesen beginnt nicht erst in der Schule

Laut Vorlesemonitor 2024 wird fast einem Drittel der ein- bis achtjährigen Kinder in Deutschland selten oder nie vorgelesen. Das ist nicht nur deshalb problematisch, weil diesen Familien schöne gemeinsame Momente mit Büchern fehlen können.

Vorlesen schafft lange vor dem ersten selbst gelesenen Satz einen Zugang zu Sprache und Geschichten.

Kinder lernen neue Wörter kennen. Sie erleben, wie eine Erzählung aufgebaut ist. Sie verfolgen Handlungen, erkennen Gefühle und versuchen, Zusammenhänge herzustellen.

Natürlich können und sollen Kitas und Schulen Kinder dabei unterstützen. Aber wir Eltern können Leseförderung  nicht vollständig an Bildungseinrichtungen abgeben.

Leseförderung beginnt bei uns.

Das sage ich nicht, um noch einen weiteren Punkt auf die ohnehin schon langen Aufgabenlisten von Familien zu schreiben. Eltern stehen jeden Tag vor genug Erwartungen. Niemand braucht eine zusätzliche Moralkeule, weil nicht jeden Abend ein pädagogisch perfektes Vorleseritual stattfindet.

Trotzdem glaube ich: Eine halbe Stunde, in der wir gemeinsam lesen, Bilder betrachten oder über eine Geschichte sprechen, ist in vielen Familien möglich.

Nicht zwingend jeden Tag. Nicht immer zur gleichen Uhrzeit. Nicht immer hoch konzentriert und schon gar nicht immer perfekt.

Aber regelmäßig genug, damit Bücher im Alltag eines Kindes überhaupt eine Rolle spielen können.

Geschichten dürfen nach der letzten Seite weitergehen

Nicht jedes Kind findet auf dieselbe Weise in eine Geschichte.

Manche Kinder hören still zu und tragen das Erzählte lange in sich. Andere möchten Bilder ausführlich betrachten. Manche stellen hundert Fragen. Andere beginnen erst später, eine Geschichte in ihrem Spiel weiterzuführen.

Und manche Kinder brauchen vielleicht einen Zugang, bei dem sie selbst aktiv werden können. Einen Zugang, bei dem sie gestalten können.

Das kann bedeuten, gemeinsam etwas zu malen, eine Szene nachzuspielen oder eine eigene Fortsetzung zu erfinden. Bei einer Geschichte über Wut könnte ein kleines Wutmonster entstehen. Bei einer Geschichte über Mut vielleicht ein Mutstein.

Was genau daraus wird, hängt vom Buch und vor allem vom Kind ab.

Gestalten kann vieles bedeuten. Es muss keine aufwendige Bastelvorlage sein, für die wir vorher sieben Materialien kaufen und den Küchentisch zwei Stunden lang vorbereiten.

Es kann auch einfach heißen:

Eine Figur malen.
Eine Höhle aus Kissen bauen.
Eine Geschichte mit Spielfiguren nachspielen.
Beim Spaziergang etwas suchen, das an das Buch erinnert.
Oder das Kind entscheiden lassen, wie das Abenteuer weitergeht.

Solche Aktionen ersetzen das Lesen nicht. Sie sind auch kein wissenschaftliches Wundermittel, das automatisch die Lesekompetenz verbessert.

Aber sie können einen zusätzlichen Raum schaffen, in dem Kinder das Gehörte auf ihre Weise verarbeiten. Sie bringen Geschichten aus dem Buch in die Lebenswelt des Kindes.

Lesen, sprechen und gestalten

Aus diesen Gedanken hat sich für mich ein einfacher Zugang entwickelt:

Lesen. Sprechen. Gestalten.

Beim Lesen begegnen wir einer Geschichte.

Beim Sprechen versuchen wir zu verstehen, was darin passiert, welche Gefühle vorkommen und welche Gedanken sie bei uns auslöst.

Beim Gestalten darf das Kind etwas Eigenes daraus machen.

Dabei müssen nicht nach jedem Buch alle drei Punkte erfüllt werden. Nicht jede Geschichte braucht ein anschließendes Projekt. Manchmal reicht das Vorlesen vollkommen aus. Manchmal möchte ein Kind einfach nur kuscheln, zuhören und danach schlafen. (Es soll ja solche Kinder geben, die wirklich friedlich einschlummern beim Vorlesen...)

An einem anderen Tag entsteht vielleicht ein Gespräch. Oder eine Figur aus der Geschichte taucht plötzlich im Freispiel wieder auf.

Es geht nicht darum, aus jedem Buch eine Fördermaßnahme zu machen.

Es geht darum, aufmerksam dafür zu sein, welcher Zugang dem eigenen Kind gerade hilft.

Eltern können mehr bewirken, als sie manchmal glauben

Wir werden die Entwicklung der Lesekompetenz nicht allein am heimischen Küchentisch lösen. Schulen, Kitas, Bibliotheken, Politik und Buchbranche tragen ebenfalls Verantwortung.

Aber das bedeutet nicht, dass unser eigener Einfluss klein ist.

Wir können Bücher sichtbar machen.

Wir können vorlesen, auch wenn ein Kind bereits selbst lesen lernt.

Wir können unbekannte Wörter erklären, ohne daraus Unterricht zu machen.

Wir können nachfragen, zuhören und uns ernsthaft für die Gedanken unseres Kindes interessieren.

Und wir können Geschichten den Raum geben, über ihre letzte Seite hinauszuwachsen.

Dafür müssen wir keine perfekten Eltern sein. Wir brauchen nicht jeden Abend eine kunstvoll vorbereitete Leseeinheit. Es beginnt viel kleiner: mit Zeit, Aufmerksamkeit und der Bereitschaft, gemeinsam neugierig zu sein.

Bücher sollten keine Bürde sein, sondern ein Geschenk

Wenn wir Kindern immer wieder sagen, sie müssten mehr lesen, weil es wichtig für die Schule und ihre Zukunft ist, machen wir Bücher schnell zu einer weiteren Pflicht.

Natürlich ist Lesekompetenz für den Bildungsweg entscheidend. Die aktuellen Zahlen zeigen deutlich, dass wir dieses Thema ernst nehmen müssen.

Aber ich wünsche mir, dass Kinder Bücher nicht nur als etwas erleben, das sie beherrschen müssen.

Ich wünsche mir, dass sie Geschichten als Geschenk kennenlernen.

Als Möglichkeit, fremde Welten zu entdecken. Gefühle besser zu verstehen. Fragen zu stellen. Zu lachen, mitzufiebern und eigene Ideen zu entwickeln.

Kinder brauchen nicht weniger Geschichten.

Und wahrscheinlich brauchen sie auch nicht noch mehr Erwachsene, die ihnen erklären, dass sie gefälligst lesen sollen.

Sie brauchen Erwachsene, die ihnen Türen öffnen.

Indem sie vorlesen.
Indem sie zuhören.
Indem sie über Geschichten sprechen.
Und manchmal auch, indem sie gemeinsam einen Mutstein bemalen oder ein Wutmonster erfinden.

Ein Buch erreicht ein Kind nicht automatisch, nur weil es die Wörter darin lesen kann.

Manchmal braucht es jemanden, der dabei hilft, aus gelesenen Wörtern eine verstandene Geschichte werden zu lassen.

Das Thema Leseförderung ist mir sehr wichtig. Das merkt ihr vielleicht aus diesem Text. Vielleicht aber auch aus meinen anderen, ähnlichen Blog-Beitrag Warum Kinder nicht einfach nur Vorlesen brauchen – sondern bessere Zugänge zum Lesen.
Darüber hinaus möchte ich gerne ein regionales Angebot schaffen, um gemeinsam Leseförderung aktiv mit anderen Familien zu praktizieren. Dafür möchte ich "Lyralaus Kinderbuchclub" ins Leben rufen.

Nicht weil ich selber os gerne bastle oder weil zu meinen bisherigen To-dos gerne noch mehr machen möchte.

Sondern weil mir Lesen, Leseförderung und die Magie von Büchern einfach zu wichtig ist.

Wenn es euch auch so geht, lasst mir gerne einen Kommentar oder eine Nachricht da. Ich würde mich sehr freuen zu hören, wie ihr das mit der Leseförderung angeht.