Dankbarkeit fördern - wie wir als Eltern dabei helfen können
Manchmal bekomme ich aus dem Nichts ein kleines „Danke“.
Für eine Sache, die für mich völlig selbstverständlich ist. Da helfe ich mal beim Anziehen der Schuhe. Oder setze mich einfach dazu, wenn sie etwas Besonderes spielt. Oder ich lasse sie einfach etwas machen, von dem sie weiß, dass ich das eigentlich nicht so toll finde. (Aber manchmal kann Mama ja auch mal ein Auge zudrücken.)
Und dann gibt es die anderen Momente. Die Momente, in denen die Wut so groß ist, dass ein kleiner Dickkopf alles rausschreien muss. Und warum? Vielleicht gibt es gerade nicht das Spielzeug, das sie haben will, oder eine tolle Idee von ihr muss warten.
Warum ist in dem einen Moment alles so einfach und so leicht, wenn es in anderen Momenten so schwierig ist, zu ihr durchzudringen?
Mein erster Impuls in solchen Momenten ist oft Ärger. Der Gedanke, dass sie undankbar ist.
Aber neulich habe ich mich gefragt: Verstehen Kinder eigentlich, was Dankbarkeit bedeutet?
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass Dankbarkeit nichts sein kann, was Kinder einfach können müssen.
Dass Dankbarkeit etwas ist, das sich - genau wie die Fähigkeit zu Lesen oder zu Schreiben - angeeignet und geübt werden muss.
Das Thema hat mich so gepackt, dass ich mich in die Recherche dazu gestürzt habe und damit die Sicht auf die Dankbarkeit meiner Tochter verändert habe.
Das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) beschreibt Dankbarkeit als die Fähigkeit, den Wert von Menschen, Situationen oder Dingen bewusst wahrzunehmen. Gleichzeitig betont das Institut, dass Kinder diese Haltung vor allem durch gemeinsame Gespräche und Erfahrungen entwickeln können. Mit meinen Gedanken dazu lag ich also gar nicht so falsch. Ein umfassendes Themenheft dazu habe ich euch hier verlinkt.
Als Eltern können wir also Dankbarkeit fördern. Natürlich nicht, indem wir sie einfach einfordern. Nicht, indem wir unsere Kinder dazu ermutigen "Bitte" und "Danke" zu sagen. Viel besser lässt sich Dankbarkeit fördern, indem wir sie greifbar machen und gemeinsam erleben.
Die Forschung zeigt, dass Gespräche über Gefühle Kindern helfen können, Emotionen besser zu erkennen und einzuordnen. Auch Dankbarkeit entwickelt sich innerhalb der Familie und wird unter anderem durch das Vorbild der Eltern und gemeinsame Gespräche geprägt. Das heißt, wir können unsere Kinder auf diesem Weg begleiten. Ähnlich wie beim Fahrradfahren bringen wir ihnen Dankbarkeit näher, vielleicht mit Stützrädern, bis sie gut genug sind, alleine zu fahren.
Hier fasse ich euch 5 Möglichkeiten zusammen, wie wir zuhause Dankbarkeit fördern können.
1. Dankbarkeit beginnt bei uns Eltern
Ich habe selbst erst als Erwachsene angefangen, mein eigenes Verhalten bewusst zu hinterfragen.
Wie bei vielem anderen auch, handelt es sich dabei um einen Prozess.
Immer dann, wenn sich eine Situation nicht gut angefühlt hat oder ich die Konsequenzen meines Handelns tragen musste, habe ich mich gefragt:
Hätte ich das anders lösen können?
Diese Fragen haben mich wachsen lassen. Nicht, weil ich plötzlich alles richtig gemacht hätte, sondern weil ich gelernt habe, mich selbst ehrlich zu betrachten. Meine Fehler zu verstehen, aber auch im Nachgang zu erkennen, was doch schon ganz gut funktioniert.
Genau deshalb glaube ich, dass Kinder nicht nur aus unseren Worten lernen.
Sie lernen vor allem aus unserem Verhalten.
Wenn wir uns selbst dankbar zeigen, Fehler eingestehen oder unsere Gefühle benennen, erleben Kinder ganz selbstverständlich, dass all das zum Leben dazugehört.
2. Weniger schenken – mehr Bedeutung schaffen
Ich glaube, viele Eltern kennen dieses Gefühl.
Man entdeckt irgendwo ein schönes Schnäppchen und denkt sich:
"Ach, darüber freut sich mein Kind bestimmt."
So geht es mir natürlich auch. Ich bin jemand, der vieles gebraucht und sehr wenig wirklich neu kauft. Das meiste Spielzeug ist in Ordnung und freut sich doch, ein neues Zuhause zu finden. So gibt es öfters mal eine Überraschung, weil ich meiner Tochter eine Freude machen will. Einfach so.
Allerdings erwecken diese kleinen Überraschungen schnell den Wunsch nach der nächsten und der nächsten. Da wurde noch gar nicht richtig mit der Freude gespielt, da fordert man schon wieder etwas anderes ein.
Früher habe ich mich über diese Art sehr geärgert.
Heute sehe ich das etwas anders. Mittlerweile glaube ich gar nicht mehr, dass sie wirklich undankbar ist.
Vielmehr weiß ich, dass ich diese kleinen Freuden einfach durch deren Häufigkeit entwertet habe. (Asche auf mein Haupt.)
Ich als Erwachsene entscheide, wann etwas gekauft wird und welchen Stellenwert neue Dinge in unserem Alltag bekommen.
Je mehr verfügbar ist, umso weniger lernen Kinder über den Wert einer Sache. Und umso weniger Zeit wir Erwachsene haben uns gemeinsam mit dieser Sache zu beschäftigen, desto weniger lernen Kinder etwas über die Bedeutung dieser Geste.
Etwas Neues gemeinsam erleben. Darauf sollte eine Überraschung abzielen. Nicht etwas Neues anschaffen, um sich damit etwas Ruhe und freie Zeit zu erkaufen.
In diesem Zusammenhang gilt für mich seit Neustem: Weniger ist mehr! Lieber öfters gemeinsam rausgehen, als irgendwo eine Kleinigkeit mitbringen.

Dankbarkeit fördern-Blumen pflücken
3. Geschichten können mehr als nur unterhalten
Der Hauptgrund, warum ich Geschichten schreibe ist es, meinen Kindern diese etwas komplexeren Zusammenhänge so zu übersetzen, dass sie diese verstehen können.
Natürlich sollen Geschichten Spaß machen. Kinder sollen lachen, staunen und mit ihren Lieblingsfiguren Abenteuer erleben.
Aber Geschichten können darüber hinaus deutlich mehr leisten. Sie können Wünsche, Gedanken, Gefahren in greifbare Alltagssituationen packen und Kindern damit wichtige Anhaltspunkte beim Lernen, Entwickeln und Verstehen geben.
Ich liebe Geschichten, die mich und meine Tochter ins Gespräch bringen. Bei denen wir uns unterhalten können, bei denen sie mir ihre Gedanken dazu mitteilt. (Manchmal passiert das Wochen später, aber das macht ja nichts).
Manchmal reicht schon eine einzige Szene in einem Buch, um ein Gespräch anzustoßen, das noch lange nach dem Zuklappen der letzten Seite weitergeht.
Es gibt unglaublich viele gute Bücher, die uns Eltern unterstützen wichtige Themen für unsere Kinder greifbar zu machen.
Diese Möglichkeit sollte man unbedingt nutzen, denn Vorlesen hat auch einen anderen wichtigen Zweck. Diesen könnt ihr hier nachlesen.
4. Gute Fragen sind oft wichtiger als die richtige Antwort
Dankbarkeit fördert man nicht durch ein eingefordertes „Sag Danke“. Dankbarkeit wächst in Gesprächen.
Deshalb stelle ich meiner Tochter lieber Fragen, auf die es keine richtige oder falsche Antwort gibt.
Zum Beispiel:
- Wofür bist du heute dankbar?
- Was war heute dein schönster Moment?
- Wenn du auf eine einsame Insel reisen würdest – was würdest du unbedingt mitnehmen?
- Mit wem würdest du einfach nur etwas Schönes erleben wollen?
- Wer würde dich begleiten, wenn du etwas Schwieriges vor dir hättest, zum Beispiel einen Zahnarztbesuch?
Solche Gespräche verraten oft viel mehr über die Gefühlswelt eines Kindes als jede direkte Frage.
5. Dankbarkeit gemeinsam sichtbar machen
Vor ein paar Tagen bekam meine Tochter eine kleine Tasche mit Schmuck – Haarklammern, Ketten, Armbänder und Ohrringe.
Sie setzte sich in ihr Zimmer und schmückte ihre Kuscheltiere.
Ganz konzentriert. Ganz in ihrer eigenen Welt.
Erst hab ich das Chaos gesehen. Dann habe ich sie einfach machen lassen. Es hatte schon fast etwas Künstlerisches, wie sie die Flamingos (Gaflingo) geschmückt hat.
Als sie fertig war, kam sie zu mir und sagte einfach nur: "Danke, dass ich das machen durfte."
In dem Moment, in dem ich die beschlossen habe nichts zu sagen, war das für mich gar keine große Sache mehr.
Für sie war es ein besonderer Moment. Ein Moment, indem sie Dankbarkeit für meine Unterstützung empfunden hat.
Genau solche Augenblicke erinnern mich daran, dass Kinder Dankbarkeit häufig ganz anders zeigen, als wir Erwachsenen erwarten.
Aus diesem Gedanken heraus ist unser kleiner Dankbarkeitsbaum entstanden.
Auf jedes Blatt schreiben wir etwas, wofür wir dankbar sind.
Das kann ein Mensch sein.
Ein schöner Moment.
Ein Haustier.
Ein gemeinsamer Ausflug.
Oder einfach die warme Sonne auf der Haut.
Der Baum ist dabei eigentlich nur Nebensache.
Das Wertvollste sind die Gespräche, die während des Bastelns entstehen. Die Anleitung für den Dankbarkeit-Baum findet ihr hier.
Mein Wunsch für unsere Kinder
Ich wünsche mir nicht, dass Kinder immer funktionieren. Das können sie nicht und das sollen sie auch nicht. Auch nicht später, wenn sie "groß" sind.
Ich wünsche mir auch nicht, dass sie jede Enttäuschung sofort wegstecken oder ständig gute Laune haben.
Gefühle gehören zum Leben.
Die schönen genauso wie die schwierigen.
Ich wünsche mir vielmehr, dass Kinder lernen, ihre Gefühle wahrzunehmen, darüber zu sprechen und sie nach und nach einzuordnen.
Denn ich glaube, dass jedes Gefühl, das ein Kind verstehen lernt, ihm später dabei hilft, ein selbstbewusster, empathischer und reflektierter Erwachsener zu werden.
Dankbarkeit ist dabei vielleicht nur ein kleines Blatt an einem großen Baum. Aber jedes Blatt lässt ihn ein Stück weiter wachsen.
