Der Weg zurück ins Winterdorf ist still, aber friedlich. Nur das Knirschen des Schnees unter ihren Pfoten und Hufen und das leise Klingeln des Glöckchens vom Kältewesen sind zu hören. Das kleine Kältewesen trägt den Eiskristall stolz in seinen kleinen, frostigen Händen, während Kasia und Gulliver fröhlich neben ihn her traben.
Als sie das Dorf erreichen, hängen bereits Eiszapfen wie Glasperlen von den Dächern, und aus den Kaminen steigt warmer Rauch. Die Tiere haben kleine Laternen vor ihre Türen gestellt, die goldenes Licht in den Schnee malen. Aus der Bastelstube klingt fröhliches Gelächter – die Hasen, Eulen und das Rentier sind noch immer am Werk.
„Da seid ihr ja endlich!“, ruft das Rentier, als es gerade aus der Tür schaut.
„Huf und Horn, das war ein Abenteuer!“, sagt Gulliver lachend. „Aber wir haben die Kristallspitze gefunden!“
Jubel brandet auf, und alle Tiere drängen sich um die Freunde. Doch dann wird es still, als sie das Kältewesen entdecken. Es steht unsicher hinter Gulliver, seine Flügel schimmern im Laternenlicht, und ein kleiner Schneeflockenwirbel tanzt um seinen Kopf.
„Wer ist das?“, fragt eine Eule misstrauisch.
„Das ist unser neuer Freund“, erklärt Kasia entschlossen. „Er hat uns geholfen, den Kristall zu beschützen.“
„Aber… ist das nicht ein Kältewesen?“ flüstert ein kleiner Hase.
Noch ehe Gulliver etwas sagen kann, tritt jemand aus der Menge hervor – die kleine Eisprinzessin. Sie trägt ein Kleid, das im Licht glitzert wie gefrorenes Wasser. Ihre Augen leuchten freundlich, und überall, wo sie vorbeigeht, glitzert der Boden wie frischer Frost.
„Lass mich sehen“, sagt sie sanft. Sie geht langsam auf das Kältewesen zu, das nervös sein Glöckchen festhält. „Ich habe schon lange keines eurer Art mehr gesehen. Die alte Eiskönigin hatte euch einst vom Winterfest ausgeschlossen, doch niemand erinnert sich mehr, warum.“
Das Kältewesen senkt den Blick. „Sie sagte, wir bringen Kälte, wo Wärme sein sollte.“
Die Eisprinzessin legt ihre Hand behutsam auf seine kleine Schulter. „Aber ohne Kälte gäbe es kein Glitzern im Schnee, keinen Frost, der die Welt zum Leuchten bringt. Du gehörst zum Winter – genauso wie wir alle.“
Ein staunendes Murmeln geht durch die Tiere. Das Kältewesen lächelt vorsichtig. „Darf ich dann… bleiben?“
„Nicht nur bleiben“, sagt die Prinzessin und lächelt. „Ich möchte, dass du den Kristall selbst an die Spitze des Winterbaumes setzt.“
Ein Raunen geht durch die Menge, und dann brandet Applaus auf. Gulliver nickt stolz. Gemeinsam stapfen sie durch das Dorf zum großen Winterbaum. Er ist riesig, seine Äste voller glitzernder Anhänger, die die Tiere mit Liebe gebastelt haben. Nur ganz oben, an der Spitze, fehlt noch der leuchtende Kristall.
Langsam steigt das Kältewesen in die Höhe. Seine Flügel aus Reif glitzern, das Glöckchen klingt hell. Es hält die Kristallspitze in den Händen – und für einen Moment scheint alles stillzustehen.
Dann setzt es den Kristall an seinen Platz.
Ein heller Klang erklingt, wie das Läuten von tausend kleinen Glocken. Ein Strahl aus Licht fährt durch den Baum – erst weiß, dann golden, dann türkis, violett, rosa. Das Licht breitet sich aus, doch statt einfach nur hell zu leuchten, beginnt es sich zu brechen. Wie ein Kaleidoskop tanzt es über den Schnee, malt bunte Muster auf die Gesichter der Tiere, lässt Eiszapfen funkeln wie Edelsteine.
„Schaut nur!“, ruft Kasia begeistert. „Das Licht tanzt!“
„Es ist, weil ich mich freue“, flüstert das Kältewesen. „Früher habe ich das Licht eingefroren. Jetzt… lasse ich es leben.“
Die Eisprinzessin lächelt stolz. „Das Licht ist schöner, als ich es je gesehen habe.“
Das Rentier stößt ein fröhliches Wiehern aus, die Hasen tanzen im Kreis, und auch die Eulen lachen. Gulliver steht zwischen ihnen, schaut nach oben und sagt:
„Huf und Horn, das ist das schönste Winterfest, das ich je erlebt habe!“
Über ihnen erstrahlt der Baum, heller als je zuvor, und in seinem Licht feiern alle gemeinsam – die Tiere, die Prinzessin, das Kältewesen, Kasia und Gulliver. Der Wind trägt Musik über das Land, und für einen Augenblick scheint selbst der Himmel zu lächeln.
Und während sie lachen, tanzen und singen, weiß Gulliver:
Am schönsten ist das Winterfest, wenn alle zusammen kommen und niemand alleine sein muss.
