Ein Geschenk aus Frost
Gulliver und Kasia stehen ganz still in der frostigen Wurzelhöhle, während das kleine Kältewesen ihnen mit großen, schimmernden Augen entgegenblickt. Die feinen Flocken, die es umgeben, zittern, als würden sie seine Gefühle verraten.
„Bitte … nehmt ihn mir nicht weg. Ohne den Kristall habe ich gar nichts“, flüstert es noch einmal. Seine Stimme klingt wie schmelzendes Eis.
Gulliver tritt einen kleinen Schritt näher. „Huf und Horn … warum glaubst du denn, dass du nichts hast?“
Das Kältewesen presst die Arme an sich. „Weil ich am Winterfest nie mitfeiern darf.“, sagt es niedergeschlagen.
Ein leiser Windzug wirbelt um seine Füße, als wolle er seine Traurigkeit sichtbar machen.
„Alle Tiere gehen zum Winterbaum. Alle lachen. Alle singen. Aber ich …“ Es senkt den Kopf. „Ich darf nicht hin. Die alte Eiskönigin hat gesagt, dass Kältewesen das Licht trüben. Ich wollte nicht wieder alleine sein müssen. Also … dachte ich … wenn es gar kein Fest gibt, dann sind alle allein.“
Kasia legt sanft ihren Schwanz um das zitternde Wesen. „Aber niemand hat gesagt, dass du nicht willkommen bist. Du hast dir das nur gemerkt, weil es so wehgetan hat.“
Das Wesen blinzelt, überrascht und verwirrt. „Ihr … ihr würdet mich wirklich dabeihaben wollen?“
„Natürlich“, sagt Gulliver warm. „Die Eisprinzessin hat gesagt jeder soll jeden dürfen. Und jeder … das bist auch du! Besonders wenn du dich so sehr nach Licht und Gesellschaft sehnst, will dich niemand ausschließen,“
Ein winziges Leuchten huscht über das Gesicht des Kältewesens. Doch dann zieht es die Schultern hoch. „Aber was, wenn ich nichts Schönes mitbringe? Alle anderen bringen Kerzen oder Gebäck oder funkelnde Deko … ich habe nur mich und Frost.“
Kasia lächelt. „Frost kann auch wunderschön sein. Der eisige Wald, durch den wir gelaufen sind, sah aus wie ein wunderschöner Wintertraum.“
„Nicht so schön wie der Eiskristall“, murmelt das Wesen und sieht traurig an Gullivers Huf vorbei.
Gulliver denkt kurz nach. Dann hellt sich sein Blick auf. „Warte! Wir finden bestimmt etwas das du mitbringen kannst!“
Er wühlt in seiner Proviant-Tasche und sieht nach was er auf dem Weg mitgenommen hat
. „Wie wäre es mit dieser Kussel? Sieht sie nicht lustig aus?“
Das Kältewesen schüttelt den Kopf. „Aber so eine kann sich doch jeder selber suchen.“
Kasia versucht es mit einer kleinen glänzenden Beere, die sie im Fell gefunden hat. „Sie glitzert im Licht!“
„Die gibt es überall“, seufzt das Wesen.
Gulliver deutet auf eine glitzernde Schneeflocke am Boden. „Und das hier? Die ist hübsch und selten.“
„Die schmelzen mir immer weg, sobald ich nicht mehr in der Nähe bin“, sagt das Kältewesen leise.
Einen Moment lang wird es wieder still. Kasia beißt sich auf die Lippe. Gulliver kratzt mit dem Huf über den eisigen Boden und überlegt fieberhaft.
Dann hebt er plötzlich den Kopf. Sein Horn leuchtet in sanften Violett.
„Kasia … ich glaube, ich weiß, was wir tun können.“
Er tippt mit seinem Horn in den Schnee. Zarte Funken springen über, glitzern wie Sterne und schmelzen die oberste Schicht zu einem schimmernden Frostteig. Die Masse duftet nach Winterluft und frischem Glitzer.
Kasia strahlt. „Frostteig! Dann lass uns etwas Schönes daraus machen!“
Gemeinsam kneten sie den Frostteig. Kasia formt behutsam kleine Rundungen, Gulliver zieht feine Linien hinein, die wie gefrorene Muster wirken. Sie arbeiten konzentriert, Seite an Seite, bis ein kleiner Anhänger entsteht – rund, glitzernd, mit einem winzigen Stern in der Mitte, fast so schön wie der Eiskristall selbst.
Gulliver pustet vorsichtig darüber, und der Anhänger härtet aus.
„Für dich“, sagt er und hält dem Kältewesen das kleine Kunstwerk hin. „Ein Geschenk, das nur du hast.“
Das Kältewesen starrt auf den Anhänger. Seine Augen beginnen zu schimmern wie zwei kleine Eislaternen.
„Für … mich? Wirklich für mich?“
Es nimmt ihn mit zitternden Händen. Sekundenlang sagt es nichts. Dann bricht ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht hervor – warm, hell, so weich wie frischer Schnee.
„Ich habe noch nie ein richtiges Geschenk bekommen“, flüstert es.
„Dann ist heute der Anfang“, sagt Kasia und stupst es freundschaftlich an.
Das Kältewesen hebt den Anhänger vorsichtig an sein Glöckchen. „Er fühlt sich … warm an.“
„So fühlt sich Freundschaft an“, sagt Gulliver sanft.
Ein paar Schneeflocken in Herzform schweben um das kleine Wesen. Es sieht erst Gulliver an, dann Kasia, dann wieder den Kristall.
„Darf ich … darf ich ihn zurückbringen? Selbst?“
Gulliver nickt. „Ja. Das ist jetzt deine Aufgabe.“
Kasia strahlt. „Und danach feierst du mit uns. Das Winterfest wartet schon auf dich.“
Das Kältewesen atmet tief ein. Zum ersten Mal wirkt es nicht zerbrechlich, sondern mutig.
„Dann … möchte ich wirklich mit euch gehen.“
Und so verlassen die drei Freunde die Höhle – Gulliver, Kasia und das kleine Kältewesen, das seinen neuen Anhänger stolz an der Brust trägt.
Über ihnen tanzen Schneeflocken, und der Wind singt leise das Versprechen eines ganz besonderen Winterfestes.
Fortsetzung folgt am 24. Dezember...
